Wir hatten eine zweiklassige Volksschule. Ich hatte große Lust zum Lernen. Mehrmals klopfte der
Lehrer der ersten Klasse bei uns an und bat "den kleinen Bröcker" für die
höhere Klasse zum Kopfrechnen - und die nicht mit mir mitkamen, bestrafte er.
Der Lehrer der 2. Klasse hatte zwei Jungen und ein Mädchen (von reichen Bauern) in
Extrastunden und bat meinen Vater, mich auch dahin zu schicken. Es sollte uns nichts
kosten, damit die Drei mehr Fortschritte machten. Aber mein Vater war nicht dafür.
Endlich gab er aber doch nach.
Mit 9 Jahren (etwa 1882) verkaufte mein Vater unsere Besitzung (in Plettenberg-Köbbinghausen)
und kaufte 5 Kilometer entfernt eine dreimal größere Besitzung zum selben Preise. Aber
Haus und Grund waren ganz vernachlässigt. Das Haus war von einem Fachmann gestützt
worden, damit es nicht zusammenfiel. An dieser Stelle war die Schule nahe bei. Ein junger Lehrer hatte
vormittags ca. 50 größere und nachmittags 30 kleinere Schüler.
Kühe hüten statt Schule
Meine Beschäftigung war, mit einem Hund die Kühe zu hüten, weil es keinen Draht
zum Einzäunen gab. Und wenn ich montags fertig für die Schule war, sagten die Eltern:
"Du mußt die Kühe hüten!'' Dienstags dasselbe. Dann kam der Lehrer und sagte, das
ginge nicht, denn ich wäre doch nicht krank. Es wurde ihm erklärt: Morgen kommt er in die Schule.
Am Mittwoch kommt die Frau des Lehrers und schimpft. Als ich in die Schule will, schimpfen die Eltern,
sie hätten ja nichts für ihre Kuh und die Ziege. Infolgedessen: Mittwoch auch keine Schule
für mich.
Die letzten drei Tage der Woche ging ich in die Schule. Aber jeden Abend kamen 2 bis 3 von der ersten
Klasse und fragten mich um die Aufgaben. Und ich und mein Freund G. C. waren jahrelang die Ersten
in der Schule - er in Kriegs- und Biblische Geschichten, und ich im Rechnen und Aufsätze schreiben.
Auch im Konfirmandenunterricht mußte ich häufig meinen Nachbarn zuflüstern.
Damit Dummheit nicht auffiel
Bei den Schulprüfungen durch den Orts- und Kreisschulinspektor mußten wir bei den ersten
schwierigen Aufgaben immer etwas vorlaut sein, damit die Dummheit der (übrigen) Schüler nicht
auffiel.
Die beste Erinnerung habe ich an Besuche bei Onkel Fritz, dem Bruder meiner Mutter. Das Essen war
sehr gut, und beim Abschied drückte er einem immer 2 bis 3 Mark in die Tasche.
Auch bei den Schwestern meiner Mutter war es ähnlich und der Besuch dort für uns immer
ein hoher Festtag: die Älteste hatte eine Wirtschaft und Bäckerei, etwas Landwirtschaft und
einen Spezereiladen; die andere eine Landwirtschaft. Nie wurden wir angehalten, mehr zu essen - aber
bis zum nächsten Essen- bekam man nichts.
Immer ein "Wenig-Esser"
Ich habe beim Militär und an der Front im 1. Weltkrieg Soldaten gekannt, die bei der Essen-Ausgabe
die ersten waren und schnell aßen und die zweite Portion auch schnell verschluckten und die dritte
Portion sich aufhoben; Aktive bekamen jeden zweiten Abend 3 Pfund Brot, aßen dieses gleich auf
und bettelten sich Brot für die nächsten Tage und waren dürr im Aussehen. Nach meiner
Ansicht waren die in der Jugend überfüttert. Ich war mein Leben lang immer ein "Wenig-Esser",
blieb immer bei 75 kg und war 1,65 m groß.
Was kommt hinter dem Mond?
Noch unter 4 Jahren besann ich mich häufig: Was kommt hinter dem Mond, was ist hinter der Sonne
und den Sternen? Ich kam ins's Weinen, und keiner klärte mich auf.
Wenn mein Vater Schwierigkeiten mit der Behörde oder dem Gericht hatte, mußte ich immer
mit und den Sachverhalt erklären. Alle Sonntage früh ging Vater zum Wilddieben und brachte
jedesmal einen Hasen, ein Rebhuhn oder ein Eichhörnchen mit.
Wenn mein Vater in die Kirche ging (5 km), kam er an sechs Wirtschaften vorbei und angetrunken nach Hause. Er ist auch einmal an unserem Hause vorbeigegangen (100 m) bis zum Schmied. Dort hatte er den Kittel schon ausgezogen, dann sah er erst den Irrtum. In dieser Schmiede war er jeden Abend; da gab es Schnaps.
Handschuhe selbst gestrickt
Meine älteste Schwester lehrte mich Stricken, Häkeln und Nähen. Ich war begeistert dabei und beim Kühehüten habe ich immer gestrickt. Eine Nachbarsfrau hielt mich an, für ihre drei Jungen Strümpfe zu stricken, was sie mir gut bezahlte. Jetzt konnte ich mir Griffel, Bleistifte, Hefte dafür kaufen. Auch bekam ich auf Kirchmess (Kirmes) eine Mark für das Mithüten ihrer Kuh und ihrer Ziege.
Mit der Zeit häkelte ich auch Spitzen auf Kleider um den Hals und Halsbänder, auch große Umhängetücher aus Wolle und Iswolle (feine Wolle wie Zwirn) und Schals aus dicker Wolle mit Holzstricknadeln. Ich ging dann über zum Handschuhstricken mit Fingern. Selbst unsere alte Handarbeits-Lehrerin in der Schule erklärte, so schön passend könne sie es nicht. Ich verdiente gut, denn die Seidenwolle für ein Paar kaufte ich für 45 Pfennige. 1,50 Mark, später 2 Mark, bekam ich dafür wieder.